
1. Einführung: Der Vorfall im Jahr 1705
Im Jahr 1705 kommt es in Münichreith im südlichen Waldviertel zu einem bemerkenswerten Vorfall in einem Wirtshaus. Es handelt sich um eine Auseinandersetzung zwischen Simon Preuer, einem Bauern aus der Region, und zwei anderen Dorfbewohnern, Michael Simoner und Christoph Rausch. Was als scheinbar harmloser Streit beginnt, eskaliert bald zu einem gewalttätigen Konflikt, der mit einer schweren Verletzung und einer drastischen Bestrafung endet.
2. Die Protagonisten des Streits: Simon Preuer, Michael Simoner und Christoph Rausch
Simon Preuer, ist in der Gemeinschaft für sein aufbrausendes Temperament bekannt. Die damalige Gesellschaft ist stark hierarchisch organisiert, wodurch persönliche Streitigkeiten häufig öffentlich ausgetragen werden. Preuer hat bereits in der Vergangenheit durch aggressive Ausbrüche auf sich aufmerksam gemacht.
Michael Simoner und Christoph Rausch hingegen sind weniger auffällige Figuren im Dorfleben und werden durch diesen Vorfall dennoch zu zentralen Figuren in einer Auseinandersetzung.
3. Der Schauplatz: Das Wirtshaus als sozialer Brennpunkt
Das Wirtshaus im Jahr 1705 ist sowohl ein Ort des gemütlichen Beisammenseins als auch ein sozialer Brennpunkt, an dem sich die Dorfbewohner treffen, um Neuigkeiten auszutauschen, Geschäfte abzuschließen und mitunter auch Konflikte auszutragen. An diesem Tag, als Simon Preuer und die beiden anderen Dorfbewohner das Wirtshaus aufsuchen, ist die Atmosphäre geladen. Vermutlich fließt Alkohol, und in den engen Räumen, wo die Menschen dicht gedrängt beisammenstehen, reicht oft ein falsches Wort, um die Stimmung kippen zu lassen.
4. Der Konflikt eskaliert: Von der verbalen Auseinandersetzung zur Gewalt
Der Tag beginnt harmlos, doch wie so oft, wenn Alkohol im Spiel ist, entzündet sich ein Streit. Simon Preuer und sein Stiefsohn Matthias Simoner geraten zuerst aneinander. Es ist nicht klar, worüber sie sich streiten, doch die Auseinandersetzung eskaliert schnell. Augenzeugen berichten später, dass Preuer in einem Anfall von Wut auf Matthias losgeht, und es zu einer handfesten Rauferei kommt.
Als Michael Simoner das Wirtshaus verlassen will wird auch er in die Auseinandersetzung hineingezogen. Preuer, bereits in Rage, gibt ihm einen heftigen Stoß, der ihn zu Boden wirft. Christoph Rausch, der ebenfalls gerade dabei ist, das Wirtshaus zu verlassen, wird auch in den Streit verwickelt. In dem Tumult greift Preuer nach einem Krug und schlägt ihn auf Rausch ein. Was dann passiert, wird später zu einem der grausamsten Details der Auseinandersetzung: In einem Kampf, bei dem Rausch versucht, sich zu wehren, beißt ihm Preuer den halben Daumen ab.
5. Die Zeugenaussagen: Die Rolle des Christoph Gerersdorfer
Ein solcher Vorfall bleibt nicht unbemerkt, und es dauert nicht lange, bis jemand von dem blutigen Streit erfährt. Christoph Gerersdorfer, ein Bauer aus Grub in Edelsreith, ist zufällig im Wirtshaus anwesend und wird zum wichtigsten Zeugen. In der darauffolgenden Untersuchung durch die Herrschaftskanzlei Weissenberg schildert er den Verlauf des Vorfalls detailliert. Gerersdorfer beschreibt, wie Preuer den Streit angezettelt hat und betont, dass es Preuer war, der zuerst handgreiflich wurde.
Die Aussage von Gerersdorfer ist für das Gericht von entscheidender Bedeutung, denn Simon Preuer bestreitet, den Streit begonnen zu haben. Er gibt zwar zu, dass er Rausch den Daumen abgebissen hat, behauptet jedoch, dies sei nur deswegen geschehen, weil Rausch ihm in den Mund gegriffen habe. Die weiteren Zeugen bestätigen jedoch Gerersdorfers Version, und es wird deutlich, dass Preuer nicht nur aggressiv reagierte, sondern den gesamten Vorfall ausgelöst hat.
6. Das Urteil: Simon Preuer wird verurteilt
Die Herrschaftskanzlei, die über den Vorfall urteilt, ist keine moderne Justizinstitution, sondern spiegelt die Rechtspraktiken des frühen 18. Jahrhunderts wider. Die Gerichtsbarkeit ist stark von den lokalen Herrschaften geprägt, und die Urteile basieren häufig auf dem persönlichen Ermessen der Richter sowie auf den Aussagen von Zeugen.
Im Fall von Simon Preuer ist das Urteil eindeutig. Aufgrund seines wiederholten aggressiven Verhaltens und der Brutalität der Tat wird er als gefährlicher Unruhestifter eingestuft. Die Strafe fällt hart aus: Preuer wird für zwei Tage in Ketten gelegt und erhält lediglich Brot und Wasser zur Nahrung. In einer Zeit, in der das gesellschaftliche Zusammenleben von festen Normen und Regeln geprägt ist, wird ein solches Urteil ernst genommen und als Mahnung an die Gemeinschaft verstanden.
7. Fazit: Der Vorfall im Kontext der damaligen Zeit
Der Vorfall im Jahr 1705 ist mehr als nur eine Auseinandersetzung unter Dorfbewohnern. Er ist ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse und der sozialen Dynamik der damaligen Zeit. In einer dörflichen Gemeinschaft kann ein Streit schnell eskalieren und weitreichende Konsequenzen haben. Simon Preuer, der in seiner Wut die Grenzen des Akzeptablen überschreitet, wird zum Symbol für die Gefahren, die in der Missachtung sozialer Gesetze liegen.
Dieser Vorfall zeigt auch die Bedeutung von Zeugenaussagen und öffentlicher Meinung in der Rechtsprechung der damaligen Zeit. Während heute das Rechtssystem durch schriftliche Beweise und formale Verfahren geprägt ist, spielen in dieser Epoche persönliche Berichte und das Wort angesehener Dorfbewohner eine entscheidende Rolle.

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